Mikrokosmische Studien

Mardi, 12 janvier 2010


Verglüht
Catrin Barnsteiner
SchirmerGraf 2004
168 S.

Getriebenen von der Schwierigkeit, mich für eine bestimmte Lesesprache oder ein besonderes Thema festzulegen, habe ich mich eine Weile lang auf Novellensammlungen konzentriert (siehe auch den Eintrag über Yôko Ogawa): schnell gelesen, thematisch abwechslungsreich und in allen möglichen Sprachen vorrätig, in einem Wort: perfekt. Entdeckt habe ich bei dieser Kurzgeschichtenwelle Catrin Barnsteiners Debüt Verglüht, über den ich in SchirmerGrafs Katalog gestolpert war. Im Gegensatz zum Rezensenten der FAZ halte ich eine genaue Inhaltsangabe von jeder Novelle in diesem Fall für sinnlos, arbeitet Catrin Barnsteiner in ihren Texten doch sehr stark auf eine Pointe zu, die es durch Spoiler nicht zu zerstören gilt. Es möge also genügen, zu sagen, dass sie alltägliche Situationen schildert, wobei sie ihre Aufmerksamkeit den kleinen störenden Details und anderen unangenehmen Wahrheiten widmet, die die Betroffenen vor der Welt, wenn nicht sogar vor sich selbst, verstecken möchten und nur Leute mit einer besonderen Beobachtungsgabe entdecken können. Die hier inszenierte, auf den ersten Blick so normale Figurenkonstellation zeichnet sich jedoch durch eine gewisse Vielfalt aus: Ob schüchterne junge Frau, alte Damen, Handwerker, Verkäuferin, Fotograph, alter Mann, junges Mädchen oder Privatdetektiv – unter anderem –, alle sind psychologisch und sprachlich so gut getroffen, dass jede Geschichte eine eigene Atmosphäre besitzt. In einigen Fällen kann dies auch eine Schwäche sein, wenn z.B. in Das Fenster im Filter oder Die Äpfel die Hauptfigur in einem so klar umrissenen Mikrokosmos lebt, dass schon beim Auftreten des Störelements das Ende vorhersehbar wird. Und wie immer wenn Erzählungen situations- und figurengetrieben sind, kommt es vor, dass man als Leser bestimmte Situationen oder Figuren aus völlig subjektiven Gründen nicht ausstehen kann. In meinem Fall wäre hier die Novelle Ersatzflügel zu erwähnen, die von der Sehnsucht eines kleinen Mädchens nach Rollschuhen mit Flügeln dran und den alltäglichen Gemeinheiten handelt, die die Beziehungen innerhalb einer Familie, vor allem zwischen Geschwistern, so oft verderben. Sagen wir einfach, dass diese Kurzgeschichte mich daran erinnert hat, warum das schon gut ist, aus der Kindheit raus zu sein.

Die Mehrheit der Geschichten reicht aber von sehr gut bis grandios. Alle inszenieren sie mit zum Teil gnadenlosem Humor die Tragik des Unangepasstseins, der unerreichbaren Ideale, so bescheiden sie auch seien, und des Statusverlustes. Ob skurril wie in Artenvielfalt oder äußerst banal und deswegen so rührend wie in Der Mann mit der Thermoskanne, erzählt Catrin Barnsteiner von verzweifelten Versuchen, den eigenen Platz im Leben zu finden bzw. zu behalten. Einzige Ausnahme, vielleicht: die letzte, nur eine Seite (und ein bisschen) lange, besonders witzige Geschichte, deren Protagonistin, obwohl nicht direkt verzweifelt, in einer höchst bizarren Situation die Seltenheit der Perfektion betont und somit die ganze Tragik der vorangehenden Figuren auf den Punkt bringt – wie übrigens auch der Titel des Textes: Das Glück, dreckig.

Sollte ich meine Lieblingsgeschichte aus dem Band auswählen, müsste ich zwei nennen: Und verführe uns in Versuchung, bitte und Verglüht. Erstere verfolgt das Ritual zweier alten Damen bei ihren Vorbereitungen für die Beichte und die Beichte selbst, die sie zu Hause empfangen. Durch ihre eigenartigen Figuren, das originelle Thema und den auf jeder Ebene gnadenlosen Humor, mit dem es behandelt wird – die Reflexion über Sünde, Beichte und Strafgesetz auf S. 25 ist absolut köstlich – sowie ihre perfekte Struktur und bittere Pointe erscheint Und verführe uns in Versuchung, bitte (der Titel überhaupt ist genial) als ein kleines Meisterwerk: 16 Seiten puren Glücks – für den Leser versteht sich, nicht unbedingt für die Figuren, denn das Glück ist, wie wir wissen, dreckig.

Verglüht, deren Protagonistin eine Fitness-Trainerin ist, die sich auf die von ihren Kollegen gehasste Kundschaft der Midlife Crisis-Männer spezialisiert hat, ist aber möglicherweise noch dreckiger, obgleich banaler in Ton und Thema. Dennoch wird auch hier der Leser meisterhaft hinters Licht geführt. So meint man zunächst die Motivation dieser Frau für diesen Job zu verstehen und ist durch diese nicht gerade sympathische Figur und ihr noch weniger attraktives Klientel irritiert – Eimer schwitzende, prollige Vierzig- oder Fünfzigjährige sind nunmal nicht mein Fall – bis sich der Verdacht einschleicht, dass man die Aussagen der Trainerin missinterpretiert hat und die Realität noch hässlicher sein könnte als vermutet.

Hübsch finde ich zuletzt als verspielte Literaturwissenschaftlerin die Tatsache, dass jenseits der oben aufgeführten Themen weitere, subtilere Motive in mehreren Geschichten wieder auftauchen. So sind mir bei der ersten Lektüre zwei Motivkomplexe aufgefallen: Textilien in Eine Party, Und führe uns in Versuchung, bitte, Größe 36, Eine Detektivgeschichte und Das Glück, dreckig, und das Erstellen von Listen und Kategorien, das Zählen und Klassifizieren in Eine Party, Verglüht, Artenvielfalt, Ersatzflügel und Die Äpfel.

Alles in allem ist Verglüht in gelungenes Debüt, das mich, jenseits der im Klappentext zu Recht erwähnten amerikanischen Tradition der Short Stories, durch seine Thematik und seine Liebe zum Detail an Katrin Askans Erzählband Wiederholungstäter erinnert hat sowie durch die Skurrilität einiger Texte (z.B. Artenvielfalt oder Die Äpfel) an Yôko Ogawas Texte, wenn auch in einer europäischen Färbung und ohne ihre poetische, (alp)traumähnliche Note.








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Commentaires


    #1 Mo sur 01/13/10 à 12:35
    Katrin Anskan warte noch in der SUB. Nach diesem Artikel, könnte schon Catrin Barnsteiner ihr dort einholen... Scheint, echt für mich geschrieben zu werden!
    #1.1 Niessu sur 01/14/10 à 12:08
    Fein fein, ich hoffe, dass es dir gefallen wird :-). Im Prinzip schreibe ich ja nur für dich und Magda auf deutsch... oder habe ich weitere deutschsprachige Leser übersehen ? (Skuld, wo steckst du denn?) (und Lou?)

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