Der nächtliche Lehrer
Klaus Böldl
S.Fischer 2010
126 S.

Die Geschichte eines Einzelgängers im schwedischen Wald. Wer jetzt robuste, holzfällende Wikinger erwartet, könnte enttäuscht werden, denn sowas gibt es in Klaus Böldls neuem Roman Der nächtliche Lehrer nicht. Nach Abschluss seines Referendariats in Stockholm soll Lennart seine erste Stelle als Kunst- und Religionslehrer – mit Betonung auf dem Fach Kunst – in der kleinen Stadt Sandvika antreten. Während andere sicherlich darüber entsetzt wären, in die dunkelste Provinz versetzt zu werden – Lennart braucht eine Weile, um Sandvika überhaupt auf der Karte zu finden, was dem neugierigen Leser aber glatt misslingt, denn Sandvika existiert gar nicht, zumindest nicht in Schweden –, findet sich der Protagonist schnell damit ab und gewinnt sogar beim ersten Besuch in Sandvika den Eindruck, dass er durchaus dort leben könnte. Ruhig und zurückhaltend genießt Lennart die Nähe der in der schwedischen Einöde allgegenwärtigen Natur mehr als die der Menschen, lernt jedoch eine Frau kennen, die Bibliothekarin Elisabeth, die er heiratet und mit der er sogar ein Kind bekommen sollte, wäre sie nicht hochschwanger in einem Verkehrsunfall gestorben. Was darauf folgt ist die stark elliptische Erzählung einer Trauer über Jahrzehnte hinweg: Lennart zieht sich immer mehr in die Natur und in sich selbst zurück, schreibt sogar ein erfolgreiches – nur bei den lieben Kollegen nicht, denen künstlerische Visionen nicht geheuer sind – naturphilosophisches Buch, Waldgedanken, und geistert durch Stadt und Nacht herum.

Romane über Trauer können leicht in die Pathosfalle geraten, nicht aber Der nächtliche Lehrer. Statt einer psychologischen Studie liefert Klaus Böldl vielmehr eine Art Beobachtungsprotokoll. Wie sehr der Tod seiner Frau Lennart mitnimmt, versteht man erst durch die irritierte bis feindselige Reaktion seiner Kollegen auf sein Verhalten und die jahrzehntelange Wiederholung bestimmter Rituale. Was er genau fühlt, kann der Leser nur erahnen, denn es ist etwas Unsagbares. Diese erzählerische Zurückhaltung wird zwar viele frustrieren, mündet aber keinesfalls in 126 Seiten Leere, sondern erlaubt das Einbetten einer Fülle von Motiven, dank derer Der nächtliche Lehrer zu einem gelungenen atmosphärischen Roman wird. So kommt Lennarts Ankunft in Sandvika, ganz am Anfang des Romans, einem geradezu photographisch oder filmisch vor. Die Hitze, die lange Zugreise, die leeren Straßen und das halb leere Restaurant mit dem stinkenden Stammalkoholiker: Man braucht wirklich nicht viel Einbildungskraft, um die Ankunft des neuen Lehrers in der schwedischen Kleinstadt in den ersten Auftritt eines Cowboys im Saloon eines Präriekaffs im Wilden Westen zu verwandeln. Und Lennarts erster Besuch in der wegen der Maihitze völlig leeren Schule könnte problemlos dem japanischen Kino bzw. Anime entstammen, die solche Szenen zu ihrem Standardrepertoire zählen – allerdings ist diese Ähnlichkeit mit großer Sicherheit ein reiner Zufall und kein gewollter Effekt.

Wie von einem Altskandinavisten zu erwarten ist, finden in Der nächtliche Lehrer aber auch Elemente aus Skandinaviens Frühgeschichte und aus dem Mittelalter Verwendung: Lennart hält sich am liebsten auf einem bronzezeitlichen Grabhügel auf, vertieft sich in der Kontemplation teils religiöser, teils grotesker Kalkmalereimotiven in einer kleinen Kirche, erzählt Elisabeth von der Vorliebe des Werwolfs für schwangere Frauen – der Verzehr eines ungeborenen Fötus soll das einzige Heilmittel gegen Lykanthropie sein – und wird irgendwann zum Wiedergänger seinerselbst. Wer mit Klaus Böldls Forschungsinteressen vertraut ist oder gar seine Veranstaltungen besucht (hat) wird hier also mit großer Freude auf alte Bekannte treffen. Diese Motive dürfen jedoch nicht für eine bloße Forschermarotte gehalten werden. Sie tragen zu einem Verwirrspiel zwischen Realität und Erfindung bei, indem Fakten – der Aufbau von Grabhügeln, die Kalkmalereienmotive, das Faible des Werwolfs für schwangere Frauen (echt in dem Sinne, dass es sich um eine dokumentierte Sage handelt) – in einer fiktiven Landschaft zusammentreffen. Und dieses wird noch durch Entlehnungen aus dem Repertoire des Märchens und des Mythos verstärkt. So erblickt Lennart im Wald mehrmals ein junges Mädchen im roten Kleid und zieht eine Parallele zwischen Elisabeth im Grab und der jungen Frau im Grabhügel, also zwischen seinem individuellen Verlust und einem Wesen aus einer sagenumwobenen Zeit, das längst seinen Weg ins kollektive Gedächtnis gefunden hat, wodurch er seiner Trauer eine mythische Dimension verleiht. Lennarts Figur selbst, die sich vollends der linearen Zeit zu entziehen und sich der zyklischen Zeit hinzugeben scheint, indem ihr nur noch die Jahreszeiten und nicht mehr die Jahre etwas bedeuten, und die zwischen den Welten (Stadt/Natur, Inland/Ausland, Leben/Tod) wandert wie keine andere, übernimmt mythische Züge. Am Ende bleibt eine gespenstische Erscheinung übrig, immer den selben abgenutzten Anzug und die ewig wiederkehrende Aktentasche tragend, die jeder vom Sehen kennt, deren Geschichte aber langsam verloren geht. Selbst Lennarts Buch, dieser internationale Erfolg, scheint verschwunden zu sein, dem Internet keiner Erwähnung wert und für die jüngere Generation somit eine Chimäre.

Zu kritisieren ist an diesem Roman nur wenig: die etwas zu lang geratene erste Beschreibung von Lennarts Wanderungen durch den Wald – Linné und Rousseau lassen grüßen – und vor allem der inflationäre Gebrauch des Ausdrucks „ein wenig“. Call me crazy und pingelig aber selbst bei allem Verständnis für den dadurch erstrebten dämpfenden und nuancierenden Effekt geht mir sowas gehörig auf die Nerven, zumal das gelegentliche Ersetzen durch „ein bisschen“ oder „etwas“ das Problem hätte lösen können. Dessen ungeachtet ist Der nächtliche Lehrer aber ein schöner und kluger Text über Trauer, Kunst und Einsamkeit, der statt Spannung suggestive Kraft und lang nachhallende Bilder bietet. Sehr lesenswert.

Der nächtliche Lehrer erscheint bei S. Fischer.






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