„Eintritt kostet den Verstand“

Jeudi, 9 octobre 2008


Der Steppenwolf
Hermann Hesse
Suhrkamp 2002 (Erstausgabe 1927)
229 S.

Klassiker, und seien sie aus dem 20. Jh., zu rezensieren ist eine schwierige Übung. Oft haben sie den unangenehmen Beigeschmack der verhassten Schullektüre, die nun als miefiger und wenig einladender Band in einer dunklen Ecke der Bibliothek – oder gar des Kellers – vor sich hin schlummert und langsam zerfällt. Oder man hat sie sich irgendwann, von einer Mischung aus Neugier, Wahnsinn und Ehrfurcht getrieben, zugelegt und sich seitdem konsequent ihrer Anziehungskraft entzogen – hier bitte Letzteres ankreuzen. Bis ein wohlwollender Geist einem nächtens zuflüstert, es sei jetzt an der Zeit dieses Werk wieder zu beleben. In diesem konkreten Fall spielte die immer so inspirierende Magda die Rolle des magischen Vermittlers, indem sie mir wieder Lust gab, einen wilden Klassiker zu zähmen, nämlich Hermann Hesses (1877-1962) Steppenwolf.

Als Steppenwolf bezeichnet sich der etwa 50-jährige Intellektuelle Harry Haller, der im ständigen Konflikt mit sich selbst und seiner Umwelt lebt: Einerseits findet er, einem in einem Käfig gefangen gehaltenen Wildtier ähnlich, seinen Platz in der bürgerlichen Welt der 1920er nicht, andererseits kann er sich von diesem Milieu nicht verabschieden, für das er sogar eine gewisse kindische Nostalgie empfindet. Als Mensch mit einer „Dimension zuviel“, verbitterter, tragikomischer Antiheld irrt er durch die Nacht und durch die Stadt, schimpft dabei innerlich über die Verdorbenheit der Zeit und stößt schließlich in einer leeren Gasse auf eine seltsame Lichtreklame: „Magisches Theater. Eintritt nicht für jedermann – nicht für jedermann“, und dazu noch „Nur für Verrückte!“ – letzterer Spruch wird zum Motto des gesamten Werks, und was es mit diesem magischen Theater auf sich hat erfährt man im letzten Teil des Romans. Wenig später erhält Harry von einem zufällig getroffenen Mann ein sonderbares Büchlein mit dem Titel „Tractat vom Steppenwolf“. Darin wird die Figur des Steppenwolfs, also Harrys, präsentiert und analysiert, deren dualistische Sicht der eigenen Seele zwar als scharfsinniger betrachtet wird als die allgemein verbreitete Annahme einer absoluten Einheit des gesunden Menschen – einer wie Harry gilt ja aus bürgerlich-normaler Perspektive, wie im Vorwort des fiktiven Herausgebers seiner Aufzeichnungen angedeutet, als geisteskrank –, jedoch auch als grobe Vereinfachung der Realität denunziert wird. So postuliert der Traktat die Vielfältigkeit der Seelen, die in einem Menschen wohnen, und verzichtet dadurch auf das Konzept der Identität. Hinzu werden noch Selbstmord – bzw. Selbstmordgedanken –, Kunst und Unsterblichkeit thematisiert und Humor als wichtigstes (Über)Lebensmittel und Form der Transzendenz vorgeschlagen. Diese Betrachtungen liefern die Leitmotive für Harrys Geschichte, der bald von Selbstmordgedanken geplagt über die schöne und geheimnisvolle Hermine stolpert, die ihn zusammen mit ihren Verbündeten Pablo und Maria – und gelegentlich mit Hilfe von Goethe und Mozart – mittels Tanzes, Drogen, Sex und eben magischen Theaters in die Kunst des Lebens und Liebens einweihen wird ; er soll Humor lernen, die Auflösung des Ichs am eigenen Leib erfahren.

Das Schicksal eines Einzelgängers mit der Kritik an die mitteleuropäischen Mentalitäten der Zwischenkriegszeit vereinend, stellt Der Steppenwolf einen unglaublich universellen Roman über die Stellung des Menschen in der Welt und seine konfliktreiche Beziehung zu ihr dar. Besonders unter die Lupe genommen wird jene Variante des Homo sapiens, hier u.a. von Harry und Hermine vertreten, die „eine Dimension zuviel“ besitzt, also empfindlicher auf die Welt reagiert als Andere und zugleich mehr von ihr verlangt. Diese Figuren tragen das ganze Leid der Menschheit auf ihren Schultern, geben sich mit dem für sie von Gesellschaft und Familie vorgesehenen Schicksal nicht zufrieden und suchen mal allein, mal zusammen nach einem eigenen Weg, der sie allerdings Exzessen und Zweifeln ausliefert. Erforscht wird hier eine an das Heiligtum erinnernde Konzeption des Heroischen, deren Charakteristika erhöhtes Bewusstsein, Lebensintensität und Infragestellung der Welt und des Selbsts sind.

Bei der Schilderung dieser Suche nach Sinn und einer Versöhnung mit der Welt lässt Hesse Nietzsches Philosophie auf buddhistische Lehre, Erkenntnisse und Theorien der Psychologie, Märchenelemente und Antikriegshaltung treffen – Hesses Klarblick bezüglich des aufkommenden zweiten Weltkrieges und der Gefahren der damaligen politischen Stimmung ist beeindruckend. Ständig verwischt er die Grenzen zwischen Sein und Schein, Fiktion und Realität, Traum und Wachzustand, sei es durch den Konsum von Drogen oder die Motive des Spiegels, des Doppelgängers, des Porträts und der Metamorphose; unter anderem durch Pablos magisches Theater und seine Vorwürfe an Harry wegen seines Verhaltens zu fingierten Welten wird der Text sogar selbstreferentiell. Des weiteren werden Geschlecht und Sexualität durch diverse Mittel – die androgyne Figur Hermines, Verkleidung, Rollentausch beim Tanz, Dreiecksbeziehungen – in Frage gestellt. Welten fließen ineinander, Individuen verschmelzen miteinander, verlieren sich in einer an Schnitzlers Traumnovelle erinnernde Ballszene oder in zerbrochenen Spiegeln. Dieses rege Spiel mit den Grenzüberschreitungen wird allerdings nicht zuletzt durch die eigenartige Struktur des Romans und den damit einhergehenden Perspektivenwechsel ermöglicht. So zeigt das Rahmen schaffende Vorwort des fiktiven Herausgebers – des Neffen von Harrys Vermieterin – die bürgerliche Wahrnehmung von Harrys Figur, der eines einsamen und psychisch gestörten Mannes, der abschreckt und fasziniert zugleich, und beeinflusst den ersten Eindruck des Lesers vom Steppenwolf (ich muss zugeben, dass ich das Vorwort aus eben diesem Grund als Letztes gelesen habe). Folgt dann der erste Teil von Harrys Aufzeichnungen, in dem er das Bürgertum kritisiert und sein ambivalentes Verhältnis zu ihm darlegt. Unterbrochen wird diese Introspektion durch den „Tractat vom Steppenwolf“, geschickte mise en abyme von Harrys Geschichte und theoretisches Pendant zum Vorwort, das zum einen das bereits geschilderte und geäußerte kritisch hinterfragt und neue Denkanstöße und Schlüsselelemente für den Rest des Romans liefert. Im zweiten Teil der Aufzeichnungen schließlich werden die theoretischen Ansätze des Traktats ausprobiert, ausgelebt und unterschiedlich interpretiert.

Durch seine kritische Auseinandersetzung mit Kulturpessimismus und Krieg und seine universellen Themen hat Der Steppenwolf nichts an Aktualität verloren – Erstausgabe 1927 – und sollte vielleicht von einigen Leuten mehr gelesen werden. Frisch und befreiend wirkt er sogar trotz der ernsthaften, darin gestellten Fragen, indem er die Rolle des Humors in Leben und Kunst hervorhebt und sich selbst seines bedient. Auch Hesses Stil muss an dieser Stelle gelobt werden, der den ohnehin komplexen und faszinierenden Inhalt dieser Odyssee sublimiert: langsam und genau, jedoch intensiv, fließend und bewegend. Ein wunderschönes Deutsch schrieb dieser Mann!
Tiefgründig, einzigartig, hypnotisierend, das alles ist Der Steppenwolf und ein echter Klassiker, im besten Sinne des Wortes. Ein wichtiges Buch.

NB: Der Steppenwolf ist eindeutig eine Abend- und Nachtlektüre.

La critique de Thom, convaincu lui aussi de l'importance de ce texte.

Der Steppenwolf erscheint bei Suhrkamp.

Publié en français sous le titre Le loup des steppes au Livre de poche; Steppenwolf is published in English by Penguin; Stäppvargen publiceras på svenska av Albert Bonniers.





Rétroliens


Rétrolien spécifique pour ce billet
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    Suivi: Août 07, 19:56

Commentaires


    #1 Magda sur 10/10/08 à 09:22
    je vais essayer de le lire, je prends des cours intensifs d'allemand en ce moment, ça va me faire le plus grand bien. Laisse-moi cinq heures tout aussi intensives de déchiffrage! :-)
    #1.1 Niessu sur 10/10/08 à 09:42
    C'est très bien, ça. Je te fais bosser ;-).
    #2 Roxane sur 10/14/08 à 10:44
    Flippant ton billet quand on n'est pas bien réveillé. J'ai cru que j'étais en train de faire un rêve à la con. J'essaye de lire un texte sur l'ordi et là je m'aperçois qu'il est en allemand, je cherche la traduction désespéremment sans réussir à la trouver.


    Je vais le lire en plusieurs fois.

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