Der nächtliche Lehrer
Klaus Böldl
S.Fischer 2010
126 S.

Die Geschichte eines Einzelgängers im schwedischen Wald. Wer jetzt robuste, holzfällende Wikinger erwartet, könnte enttäuscht werden, denn sowas gibt es in Klaus Böldls neuem Roman Der nächtliche Lehrer nicht. Nach Abschluss seines Referendariats in Stockholm soll Lennart seine erste Stelle als Kunst- und Religionslehrer – mit Betonung auf dem Fach Kunst – in der kleinen Stadt Sandvika antreten. Während andere sicherlich darüber entsetzt wären, in die dunkelste Provinz versetzt zu werden – Lennart braucht eine Weile, um Sandvika überhaupt auf der Karte zu finden, was dem neugierigen Leser aber glatt misslingt, denn Sandvika existiert gar nicht, zumindest nicht in Schweden –, findet sich der Protagonist schnell damit ab und gewinnt sogar beim ersten Besuch in Sandvika den Eindruck, dass er durchaus dort leben könnte. Ruhig und zurückhaltend genießt Lennart die Nähe der in der schwedischen Einöde allgegenwärtigen Natur mehr als die der Menschen, lernt jedoch eine Frau kennen, die Bibliothekarin Elisabeth, die er heiratet und mit der er sogar ein Kind bekommen sollte, wäre sie nicht hochschwanger in einem Verkehrsunfall gestorben. Was darauf folgt ist die stark elliptische Erzählung einer Trauer über Jahrzehnte hinweg: Lennart zieht sich immer mehr in die Natur und in sich selbst zurück, schreibt sogar ein erfolgreiches – nur bei den lieben Kollegen nicht, denen künstlerische Visionen nicht geheuer sind – naturphilosophisches Buch, Waldgedanken, und geistert durch Stadt und Nacht herum.

Romane über Trauer können leicht in die Pathosfalle geraten, nicht aber Der nächtliche Lehrer. Statt einer psychologischen Studie liefert Klaus Böldl vielmehr eine Art Beobachtungsprotokoll. Wie sehr der Tod seiner Frau Lennart mitnimmt, versteht man erst durch die irritierte bis feindselige Reaktion seiner Kollegen auf sein Verhalten und die jahrzehntelange Wiederholung bestimmter Rituale. Was er genau fühlt, kann der Leser nur erahnen, denn es ist etwas Unsagbares. Diese erzählerische Zurückhaltung wird zwar viele frustrieren, mündet aber keinesfalls in 126 Seiten Leere, sondern erlaubt das Einbetten einer Fülle von Motiven, dank derer Der nächtliche Lehrer zu einem gelungenen atmosphärischen Roman wird. So kommt Lennarts Ankunft in Sandvika, ganz am Anfang des Romans, einem geradezu photographisch oder filmisch vor. Die Hitze, die lange Zugreise, die leeren Straßen und das halb leere Restaurant mit dem stinkenden Stammalkoholiker: Man braucht wirklich nicht viel Einbildungskraft, um die Ankunft des neuen Lehrers in der schwedischen Kleinstadt in den ersten Auftritt eines Cowboys im Saloon eines Präriekaffs im Wilden Westen zu verwandeln. Und Lennarts erster Besuch in der wegen der Maihitze völlig leeren Schule könnte problemlos dem japanischen Kino bzw. Anime entstammen, die solche Szenen zu ihrem Standardrepertoire zählen – allerdings ist diese Ähnlichkeit mit großer Sicherheit ein reiner Zufall und kein gewollter Effekt.

Wie von einem Altskandinavisten zu erwarten ist, finden in Der nächtliche Lehrer aber auch Elemente aus Skandinaviens Frühgeschichte und aus dem Mittelalter Verwendung: Lennart hält sich am liebsten auf einem bronzezeitlichen Grabhügel auf, vertieft sich in der Kontemplation teils religiöser, teils grotesker Kalkmalereimotiven in einer kleinen Kirche, erzählt Elisabeth von der Vorliebe des Werwolfs für schwangere Frauen – der Verzehr eines ungeborenen Fötus soll das einzige Heilmittel gegen Lykanthropie sein – und wird irgendwann zum Wiedergänger seinerselbst. Wer mit Klaus Böldls Forschungsinteressen vertraut ist oder gar seine Veranstaltungen besucht (hat) wird hier also mit großer Freude auf alte Bekannte treffen. Diese Motive dürfen jedoch nicht für eine bloße Forschermarotte gehalten werden. Sie tragen zu einem Verwirrspiel zwischen Realität und Erfindung bei, indem Fakten – der Aufbau von Grabhügeln, die Kalkmalereienmotive, das Faible des Werwolfs für schwangere Frauen (echt in dem Sinne, dass es sich um eine dokumentierte Sage handelt) – in einer fiktiven Landschaft zusammentreffen. Und dieses wird noch durch Entlehnungen aus dem Repertoire des Märchens und des Mythos verstärkt. So erblickt Lennart im Wald mehrmals ein junges Mädchen im roten Kleid und zieht eine Parallele zwischen Elisabeth im Grab und der jungen Frau im Grabhügel, also zwischen seinem individuellen Verlust und einem Wesen aus einer sagenumwobenen Zeit, das längst seinen Weg ins kollektive Gedächtnis gefunden hat, wodurch er seiner Trauer eine mythische Dimension verleiht. Lennarts Figur selbst, die sich vollends der linearen Zeit zu entziehen und sich der zyklischen Zeit hinzugeben scheint, indem ihr nur noch die Jahreszeiten und nicht mehr die Jahre etwas bedeuten, und die zwischen den Welten (Stadt/Natur, Inland/Ausland, Leben/Tod) wandert wie keine andere, übernimmt mythische Züge. Am Ende bleibt eine gespenstische Erscheinung übrig, immer den selben abgenutzten Anzug und die ewig wiederkehrende Aktentasche tragend, die jeder vom Sehen kennt, deren Geschichte aber langsam verloren geht. Selbst Lennarts Buch, dieser internationale Erfolg, scheint verschwunden zu sein, dem Internet keiner Erwähnung wert und für die jüngere Generation somit eine Chimäre.

Zu kritisieren ist an diesem Roman nur wenig: die etwas zu lang geratene erste Beschreibung von Lennarts Wanderungen durch den Wald – Linné und Rousseau lassen grüßen – und vor allem der inflationäre Gebrauch des Ausdrucks „ein wenig“. Call me crazy und pingelig aber selbst bei allem Verständnis für den dadurch erstrebten dämpfenden und nuancierenden Effekt geht mir sowas gehörig auf die Nerven, zumal das gelegentliche Ersetzen durch „ein bisschen“ oder „etwas“ das Problem hätte lösen können. Dessen ungeachtet ist Der nächtliche Lehrer aber ein schöner und kluger Text über Trauer, Kunst und Einsamkeit, der statt Spannung suggestive Kraft und lang nachhallende Bilder bietet. Sehr lesenswert.

Der nächtliche Lehrer erscheint bei S. Fischer.




Die einzige Frau, die nicht wahnsinnig ist

Dimanche, 12 septembre 2010


Traumfabrik
Sara Stridsberg
S. Fischer 2010
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
(schw. Orig. 2006)
336 S.

Über Sara Stridsbergs Roman Traumfabrik habe ich schon des Öfteren geschrieben, allerdings noch keine deutsche Rezension davon auf diesem Blog veröffentlicht. Nun ist die deutsche Übersetzung endlich erschienen und ich freue mich, euch den Artikel, den ich fürs Missy Magazine darüber verfasst habe, hier zeigen zu dürfen.

"Valerie Solanas ist vor allem für zwei Dinge bekannt: den Mordversuch an Andy Warhol 1968 und das SCUM Manifesto, in dem sie ein flammendes Plädoyer für die Abschaffung der Männer hält. Nach einer von sexuellem Missbrauch gezeichneten Kindheit studierte die 1936 in New Jersey geborene Solanas Psychologie. Man vermutet, dass sie sich danach mit Prostitution über Wasser hielt, bevor sie sich 1966 in New York niederließ, wo sie das Theaterstück Up Your Ass verfasste. Der Versuch, es von Andy Warhol produzieren zu lassen, scheiterte. Solanas bewegte sich weiter im Kreis von Warhols „Factory“, fühlte sich aber gleichzeitig von ihm ausgenutzt. Nach den Schüssen auf Warhol saß sie ein paar Jahre im Gefängnis, verfolgte ihn weiter, wurde immer wieder in die Psychiatrie eingewiesen und geriet allmählich in Vergessenheit. 1988 starb sie einsam in einem Obdachlosenheim in San Fransisco.

Valerie Solanas’ schlecht dokumentiertes Leben räumt viel Platz für Spekulationen ein. Insofern erscheint Sara Stridsbergs Entscheidung, ihren an dieses Leben angelehnten Roman Traumfabrik mehr als literarische Fantasie denn als klassische Biografie zu konzipieren, sinnvoll. Sie verzichtet auf eine chronologische Erzählung und erfindet Dialoge mit real existierenden Personen, wie Solanas’ Mutter Dorothy, und fiktiven Figuren wie Cosmogirl. Sie geht so weit in ihrer Bekenntnis zur Fiktion, dass sie Konversationen zwischen der Erzählerin (Stridsbergs Alter Ego) und Solanas inszeniert, in denen diese sich über die Art und Weise beschwert, wie ihre Geschichte erzählt wird. Schnell wechselnde Szenerien, Refrains, dazwischen geschobene Fragen, allein stehende Dialoge und sogar Listen: Elemente der Lyrik, des Dramas und des Films fließen hier ein. Der Text ist in seiner Form so extrem und experimentierfreudig wie seine von Stridsberg schillernd imaginierte Protagonistin, die sich weder Professoren noch Richtern oder Psychiatern beugt. Auch aus feministischen Kreisen fliegt sie wegen ihres sexy Erscheinungsbilds und ihrer radikalen Positionen raus und wird trotz allem bis zum Schluss mantraartig beteuern, sie sei die einzige Frau, die nicht wahnsinnig sei.

In Schweden erregte Traumfabrik große Aufmerksamkeit und erhielt 2007 den Literaturpreis des Nordischen Rates, die wichtigste literarische Auszeichnung Skandinaviens. Schon in ihrem 2004 erschienenen Debüt Happy Sally hatte Stridsberg sich mit einer historischen Frauenfigur auseinandergesetzt, nämlich Sally Bauer, die 1939 als erste Skandinavierin den Ärmelkanal durchschwamm. In ihrem dritten Roman Darling River hingegen, der im März in Schweden herauskam, widmet sie sich einer fiktiven Figur: Nabokovs Lolita."

Aus Missy Magazine #03/10.

Traumfabrik erscheint bei S. Fischer.


Es ist soweit.../Ça y est... (II)

Jeudi, 12 août 2010


Die neue Missy kommt Montag raus! Zu dieser Ausgabe habe ich zwei Texte beigetragen: einen Artikel über Yoko Tsuno für die Reihe der „Lieblingsstreberinnen“ und den Literatur-Aufmacher über Sara Stridsbergs endlich auf deutsch erscheinenden Roman Traumfabrik, den ich euch wärmstens empfehle. Hervorzuheben sind auch das neue, knalligere Layout der Zeitschrift und der lange Artikel über die neue weibliche erotische Literatur, den ich euch nur ans Herz legen kann ;-).



La Missy nouvelle paraît lundi ! J'ai signé deux textes pour ce numéro : un article sur Yoko Tsuno pour la rubrique „Lieblingsstreberinnen“ (comprenez les „têtes“ ou „cerveaux“ préféré(e)s) et une critique/présentation du roman de Sara Stridsberg, La faculté des rêves, qui paraît enfin en allemand et que je vous recommande toujours autant. Notez également que la revue a un nouveau look plus audacieux et contient un long article sur la nouvelle littérature érotique féminine dont je ne peux que vous conseiller la lecture ;-) (oui, c'est en allemand, ça peut poser problème à certain(e)s, je sais).


Operation Clear Backlog: Episode 3

Dimanche, 30 mai 2010

Nota Bene: BiLLet MULtilinGUE / mulTILINgual PoST / MEHRsprachIGER EinTRag / FlerSPRÅkigt inlÄgG


The operation Clear Backlog continues, yes, yes, and this third episode shall reveal, like the first, works of mixed quality, origin and topic.

Hermann Hesse: Demian

Demian
Hermann Hesse
Suhrkamp 2007 (1919)
155 S.
Achtung: Kitsch sondergleichen! Soviel Dusseligkeit dürfte nicht erlaubt sein. Hesse schrieb Demian in drei Wochen während des ersten Weltkrieges, und das merkt man. Der Text enthält zu viel Unnötiges samt einer gehörigen Portion Pathos, und stützt sich zu sehr auf den Gedanken, dass die mehrfache Wiederholung eines Statements allein von seiner Wichtigkeit überzeugen kann.

Demian erzählt vom Werdegang des jungen Emil Sinclair, Sohn einer bürgerlichen Familie, der in einer so klar schwarzweiß definierten Welt lebt, dass man ihm schnell ein einfaches Gemüt unterstellt. Seine Welt gerät allerdings ins Wanken, als er sich durch (jugendlichen) Leichtsinn den lokalen bösen Jungen zu sehr nähert und von der Titelfigur Demian aus seiner zunehmend heiklen Lage gerettet wird. Die Zeit vergeht und Emils Freundschaft zu Demian, dem sonderbaren Jungen, der so viel Geheimnisvolles weiß, wächst, wozu sich auch leidenschaftliche Gefühle für Demians Mutter Eva gesellen. Viele Fehler, Exzesse, existentielle Fragen und esoterische Versuche später ziehen Emil und Demian in den Krieg, der zur endgültigen Trennung der beiden führt und das Ende von Emils Selbstfindung markiert.

So viel flache, klischeehafte Esoterik habe ich selten gelesen und schon gar nicht von Hesse erwartet, der mit dem freilich mehrere Jahre nach Demian erschienenen Roman Der Steppenwolf bewiesen hat, dass er es besser kann. Demian fehlt die Stringenz, die Kraft, die Subtilität und die Ironie des Steppenwolfs, wobei Letzteres vermutlich das Hauptproblem darstellt: Alles ist in Demian furchtbar ernst gemeint! Und wenn das Kitschigste und Lächerlichste so ernst gemeint ist, tut es nur noch weh – besonders der erste Teil, als Emils Welt noch unversehrt ist, hat mich Einiges an Überwindung gekostet. Und doch hätte ich mich von diesem Bericht einer Jugend angesprochen fühlen sollen, deren Bedürfnis nach Individualität mit dem Streben der Gesellschaft nach Gleichförmigkeit kollidiert. Ich habe ihn zwar im Rahmen einer Prüfung gelesen, habe ihn aber freiwillig ausgewählt und war ursprünglich sehr neugierig auf diese Erzählung, an den sich Mamiya Okis Manga Das Demian-Syndrom (Yaoi, Yaoi ;-)) anlehnt. Und es sind tatsächlich der homoerotische Subtext der Freundschaft zwischen Emil und Demian sowie das Spiel mit den Grenzen zwischen männlich und weiblich, die beide in der finalen Kussszene kulminieren, die mich am Ehesten interessiert haben. Aber den ganzen Rest hätte ich mir wirklich sparen können. Und wer Lust auf geheime Glaubensgemeinschaften, wirre Träume und Abenteuer mit Stil hat sollte lieber Corto Maltese lesen.

Demian erscheint bei Suhrkamp.


On va faire court, j'ai la flemme de traduire ma critique allemande en français : Demian, c'est nul et complètement kitsch (non vraiment j'ai souffert en le lisant). Rarement lu autant d'ésotérisme à deux balles. Pas la peine de perdre votre temps avec ce récit d'une jeunesse contrariée pas convaincant, plein de pathos et dénué de recul ou d'ironie (écrit en trois semaines et ça se sent). Allez donc plutôt lire directement Le Loup des steppes, c'est autrement plus réussi et complexe. Ou alors, si vous voulez lire de chouettes histoires d'organisations secrètes ésotériques, pleines d'onirisme et d'aventure, allez donc voir du côté de chez Corto Maltese.

Demian est publié chez Stock et Le Livre de poche.


PC Jersild: En levande själ

En levande själ
PC Jersild
Bonniers 2007 (1980)
266 s.
Ypsilon heter en naken hjärn som simmer i ett akvarium i något laboratorium. Den vet inte vem den är, har glömt allt som hände innan den blev reducerat till en hjärn med bara ett öga (för input) och båda öron (som stabilisatorer) kvar. Den är fångad där och berättar om sin historia medan den experimentas på: om hur den blir kär i laboranten Emma, om sitt äventyrliga flyktförsök och om det som den får ta reda på om experimentet och dess ledare.

En levande själ är en underbar SF roman som kritiserar medecinens utveckling till en ren rationalistisk vetenskap helt utan etik som blir slav under marknadens princip av alltid mer, alltid snabbare. Den visar med mycket humor hur absurd denna absoluta rationalism är som försöker att förvandla människorna i automatiska maskiner utan själ eller känslor (på det sättet som Descartes betraktade djur). Romanen avsluter på hemskt vis men även om ämnet är allvarligt och tragiskt, så får jag säga att Ypsilons berättande är hur komiskt som helst med dess naiva-optimistiska synpunkt. En levande själ kan varmt rekommenderas!

En levande själ publiceras av Albert Bonniers.


Ypsilon, ainsi s'appelle un cerveau nageant dans un aquarium quelque part dans un laboratoire indéterminé. Il ne sait pas qui il est ni ne se souvient de ce qui s'est passé avant qu'il ne soit réduit à l'état de cerveau auquel ne restent attachés qu'un œil (input) et les deux oreilles faisant office de stabilisateurs. Prisonnier de cet état, il nous raconte son histoire pendant qu'on lui fait subir des expériences : comment il tombe amoureux d'Emma la laborantine, sa tentative d'évasion rocambolesque et ce qu'il a réussi à découvrir au sujet de l'expérience et de celui qui la conduit.

Mon âme dans un bocal est un formidable roman de science fiction critiquant l'évolution de la médecine vers une science purement rationnaliste, dépourvue d'éthique et devenant l'esclave des lois du marché exigeant toujours plus, toujours plus vite. Il montre avec beaucoup d'humour toute l'absurdité de ce rationalisme absolu cherchant à transformer les humains en des machines automatiques sans âme ni émotions (en gros selon le principe des animaux-machines de Descartes). Le roman s'achève sur une note particulièrement amère mais, même si le sujet est en soi sérieux et tragique, il faut bien reconnaître que le point de vue naïf et optimiste d'Ypsilon est délicieusement comique. Un roman que je vous recommande chaudement !

Mon âme dans un bocal est publié chez Actes Sud.


Jack Kerouac: The Subterraneans

The Subterraneans
Jack Kerouac
Penguin Books 2001 (1958)
163 p.
You don't read Kerouac for the story, in this case a lovestory: they're both a bit mad, want each other, but being that involved with another human being can be scary, so it has to stop. You read him for his style. And it's not one made for being read hours on end. Kerouac's spontaneous prose, a kind of stream of consciousness on drugs, is extremely powerful and overwhelming. So much so that after a while you'll begin to feel dizzy and nauseous because the ride is too wild for your brain. You'll feel atmospheres gush into you, see characters dance in and out of view, ideas will coil around your neck and tighten slowly. But eventually you'll have to breathe and put the book aside. It's too much. And, being more akin to poetry than standard prose, it should be read aloud rather than be left to spin silently in your mind. Judge for yourself:

„And so having had the essence of her love now I erect big word constructions and thereby betray it really – telling tales of every gossip sheet the washline of the world – and hers, ours, in all the two months of our love (I thought) only once-washed as she being a lonely subterranean spent mooningdays and would go to the laundry with them but suddenly it's dank late afternoon and too late and the sheets are grey, lovely to me – because soft. – But I cannot in this confession betray the innermosts, the thighs, what the thighs contain – and yet why write? – the thighs contain the essence – yet tho there I should stay and from there I came and'll eventually return, still I have to rush off and construct construct – for nothing – for Baudelaire poems –“ (p.16)

The Subterraneans is published by Penguin Books.




Es ist soweit.../Ça y est

Mardi, 11 mai 2010

Meine erste Printrezension ist erschienen!! Und zwar habe ich für die popfeministische Zeitschrift Missy Magazine das neueste Buch der französischen Feministin Elisabeth Badinter, Le Conflit, vorgestellt. Die Ausgabe gibt es ab Montag in allen Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie online und in ausgewählten Buchläden zu kaufen (Abonnentinnen dürften ihr Exemplar schon bekommen haben).



Ma première critique papier est parue !! J'ai en effet rédigé un article sur Le Conflit d'Elisabeth Badinter pour la revue féministe pop allemande Missy Magazine. Le numéro en question sera disponible dès lundi dans tous les kiosques des gares et aéroports d'Allemagne, de Suisse et d'Autriche ainsi que dans certaines librairies allemandes. Pour qui désirerait se le procurer depuis l'étranger, les commandes en ligne, au numéro ou abo (4 numéros par an), sont possibles.
Pour ceux et celles qui ne lisent pas l'allemand ce post n'a bien sûr aucun intérêt... mais une critique en français du Conflit sur ce blog est prévue ;-).


Sarah
Otomo/ Nagayasu
Aus dem Jap. übersetzt von Junko Iwamoto-Seebeck und Jürgen Seebeck
Carlsen 1996
(jap. Orig. 1990)

Ende April fand der 12. Anime Marathon in Brehna statt und da ich dieses Jahr ziemlich oft als Aufsicht in der Mangabibliothek saß, habe ich sogar Zeit gehabt, eine Serie (soweit vorhanden) durchzulesen, nämlich Sarah von Kastuhiro Otomo (Text) und Takumi Nagayasu (Zeichnungen).

Als Scharen von Menschen versuchen, ihre durch Anschläge beschädigten Raumstationen zu verlassen, um notgedrungen auf eine längst vergiftete Erde zurückzukehren, wird Sarah von ihren drei Kindern, Harato, Satoko und Tsumuri getrennt. Sie behält bei sich nur ihr letztes Kind, einen Säugling, und muss fliehen. Was damals passiert ist, was Sarah auf ihrer Flucht erlebt hat, erfährt der Leser erst später und nur partiell. Als wir Sarah einige Jahre nach den Anschlägen auf der Erde wieder begegnen, ist sie eine rätselhafte Einzelkämpferin geworden. Der Händler Tsue ist ihr einziger Weggefährte, dem sie sich aus praktischen Gründen – er besitzt einen LKW – angeschlossen hat. Zusammen reisen sie durch Wüsten, halb leere Städte und Kriegszonen, sie auf der Suche nach ihren Kindern, er auf der Suche nach guten Geschäften, und werden bei jeder Etappe mit dem Zerstörungspotential menschlichen Machtstrebens aufs Neue konfrontiert.

Leider hat Carlsen die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Sarah nach 14 (sehr schmalen) Bänden im 25x16,6 cm Format unterbrochen, so dass ich nur einen Teil der Serie bewerten kann (alle Bände sind gespiegelt, anders aufgeteilt als im Original und ich werde den Verdacht nicht los, dass die Übersetzung nicht ganz sauber ist, hören doch viele Sprechblasen mitten im Satz abrupt auf... so hat man es eben in den 90ern gemacht... und heute ist die Serie natürlich vergriffen). Aber was ich davon lesen konnte, immerhin einen Großteil der Serie, war beeindruckend. Angefangen mit der Hauptfigur, denn wenn das allgemeine postapokalyptische Setting samt Figur, die nach etwas Verlorenem sucht, nicht gerade revolutionär ist, so ist die Entscheidung für eine Protagonistin statt eines Protagonisten in einem solchen Kontext eher selten. Man mag natürlich argumentieren, dass die Betonung von Sarahs Mutterrolle wiederum das alte Klischee der Mutter bestätigt, die alles tut, um ihre Kinder zu schützen, gar nur noch um ihrer Kinder willen lebt. Und das würden sogar die ersten Bände der Serie tendenziell bestätigen. Nur wird dieses Klischee bald durch Sarahs Konfrontation mit anderen „Müttern“ relativiert und durch die Auseinandersetzung mit Kindsmord, Prostitution und Notlagen unterwandert. Selbst das Bild des Kindes als gutes, unverdorbenes Wesen, das man nur lieben kann und sogar lieben muss, wird hier demontiert. Sarah ist keine perfekte Mutter und auf keinen Fall eine Frauenfigur, die sich auf diese eine Rolle reduzieren ließe. Groß und stark, in einem Umhang gehüllt, der auch sämtlichen Spacepirates und Vampirjägern des Mangauniversums stünde, tritt sie vor allem als wortkarge Kämpferin auf – und wie sie da kämpft! - und wird durch eine Umdeutung des Motivs der abgeschnittenen Brust mit den Amazonen assoziiert. Und überhaupt ist eine solche Untersuchung von Weiblichkeit im stark männlich dominierten Science-Fiction-Genre, dazu noch im Zusammenhang mit einem Krieg, in den sich auch Sarah einmischt, für mich ein Grund zu jubeln. Die einzige vergleichbare Figur, die mir im Bereich Manga/Anime spontan einfällt, ist Miyazakis Nausicaä.

Sarah ist aber nicht nur ein thematisch sondern auch graphisch, dank Nagayasus realisitschen und souveränen Zeichenstils, hervorragender Manga. Ob Porträts, Landschaften, Mengen, Explosionen oder Kampfszenen, alles ist perfekt gezeichnet. Sowohl auf der Panel- als auch auf der Seitenebene zeigt Nagayasu einen grandiosen Sinn für Komposition und Dynamik. Einige Ganzseitenillustrationen erinnern absichtlich an Propagandaplakate, so dass die Mechanismen totalitärer Diskurse hier auch auf graphischer Ebene entlarvt werden.

Wer Science-Fiction mag und/oder auf der Suche nach Mangas mit starken Frauenfiguren ist, sollte auf jeden Fall Sarah lesen. Und wer französisch lesen kann, hat sogar die Möglichkeit, die Serie zu Ende zu lesen, denn Delcourt hat sie, im Gegensatz zu Carlsen, abgeschlossen (dabei muss man allerdings beachten, dass Band 14 in der deutschen Fassung Band 8 in der französischen entspricht, welche insgesamt aus 11 Bänden besteht). Hoffentlich werde ich selbst irgendwann dazu kommen, mir die restlichen drei Bände auf französisch zuzulegen...




Operation Clear Backlog: Episode 1

Mercredi, 31 mars 2010


Nota Bene: BiLLet MULtilinGUE / mulTILINgual PoST / MEHRsprachIGER EinTRag / FlerSPRÅkigt inlÄgG



And yet another month of virtual non-activity on this blog... I've been doing other things, been tired, been blocked... the mere thought of all those unwritten reviews is depressing me. In an attempt at overcoming these difficulties I've decided to try a new method: instead of writing long reviews as I usually do, I'm going to settle for a shorter form until I've cleared my backlog. Composing very analytical and detailed pieces isn't that much of a challenge for me (at least when I feel like it), it's what I'm trained to do, neither is saying in a sentence or two if a book was appalling, great or boring, but keeping it brief AND being satisfied with the result definitely is.
This new treatment doesn't have anything to do with the quality of the books I shall speak of, which form a mixed bag of „must read“, „well, if you must“ and „don't bother spending your money and time on that crap“. For more neutrality I shall procede alphabetically.



Bâ, Mariama Une si longue lettre :

Une si longue lettre
Mariama Bâ
Le Serpent à Plumes 2001
(Les Nouvelles Editions Africaines du Sénégal 1979)
165 p.
Dans le Sénégal des années 70 une femme qui vient de perdre son mari écrit, durant la réclusion marquant le début de son veuvage, une longue lettre à son amie expatriée aux Etats-Unis dans laquelle elle lui raconte sa vie et ses réflexions sur la société sénégalaise. Une si longue lettre a valeur de classique moderne des lettres africaines parce qu'il décrit sans détours la condition des femmes sénégalaises à cette époque. D'aucuns croient d'ailleurs pouvoir y déceler l'essence même de la condition féminine africaine, qui n'aurait pas évolué du tout depuis la parution de ce roman. A cela je réponds : „Et puis quoi encore ?! Comme si l'Afrique était un continent homogène et la femme africaine – rien que d'entendre parler de LA femme africaine m'horripile – un archétype voué éternellement à la soumission et la stagnation.“ Ce roman est donc à considérer pour ce qu'il est, le document fictionnel d'une époque et d'une société précises. Je dois en outre admettre ne pas y avoir trouvé la description d'une société patriarcale manichéenne dans laquelle les femmes seraient toutes soumises et les hommes auraient tous les pouvoirs. Car si les hommes ont, dans une certaine mesure, plus de libertés que les femmes, celles-ci sont les piliers du système. Bien sûr, les filles et les jeunes femmes n'ont pas forcément un rôle enviable. Cependant les femmes d'âge mûr, mères, belles-mères, tantes, belles-soeurs exercent elles un pouvoir considérable. Les agents actifs dans la destinée des jeunes femmes présentées dans ce roman sont, davantage que les hommes, ces femmes déjà établies qui contraignent jeunes femmes (et jeunes hommes) à des unions qui ne leur conviennent pas, vengeant peut-être ainsi leur propre vie gâchée ou du moins assurant avec ardeur la continuité de la tradition. Les hommes quant à eux, lâches, veules, inconscients sont moins des dictateurs que des trouillards qui n'osent s'opposer à la volonté de leur mère ou de celle de la future seconde épouse. Les torts me semblent – dans ce roman en tout cas – assez équitablement partagés entre les deux sexes et même la narratrice exprime plus un certain agacement qu'un réel sentiment de rébellion. Le véritable rapport de force se situe finalement moins entre hommes et femmes qu'entre l'individu, de quelque sexe qu'il soit, et sa famille qui ne lui laisse pas le choix de sa destinée ainsi qu'entre les familles qui forment la communauté. L'un des aspects de ces constructions sociales les plus importants et les plus critiqués par Mariama Bâ est sans doute le cadeau fait non par simple plaisir d'offrir mais par calcul et pour des raisons de prestige et se présentant souvent sous forme d'argent liquide, au point qu'il en devient un instrument économique et politique (donc la conception d'origine du cadeau) de taille et fausse complètement les relations familiales.
Bien qu'intéressant et pas mal écrit – disons surtout que cela se lit très facilement, le style en soi n'a rien de particulier –, Une si longue lettre n'en est malheureusement pas pour autant l'écrit révolutionnaire et fort auquel je m'attendais.

Une si longue lettre est paru au Serpent à plumes dans la collection Motifs.



Burman, Carina Vit som marmor:

Vit som marmor: ett romerskt mysterium
Carina Burman
Albert Bonniers 2006
340 s.
Jag tyckte att jag kunde ge Carina Burmans historiska deckare om amatördetektiven Euthanasia Bondeson en chans även om jag inte är en stor deckareläsare. Idéen av en skrivande, ogift medelålders kvinna som jagar en mördare i 1850-talets arkeologi-besatta Rom med dess internationella konstnärkoloni hade charm (den första boken i serien, Babylons gator, var tillfälligt slut när jag ville beställa den så blev det den andra, Vit som marmor, i stället). Men den fungerar tyvärr inte. Jag slöt läsa romanen efter en tredjedel, så ointressant den var: 100 sidor av de vanligsta och värsta klichéerna om Italien och konstnärerna (de bara målar/skriver/skulpterar, dricker rött vin och äter ost), ingen handling, ingen spänning, ingen stil, ingen humor och en jobbig och suffisant hjältinna. Ingen anledning för mig att läsa vidare.

Vit som marmor publiceras av Albert Bonniers.

Comme je l'avais déjà mentionné ici, Vit som marmor (Blanc comme marbre, à ma connaissance non traduit en français) de Carina Burman fut une fort mauvaise pioche : plat, sans humour ni style ni suspense, truffé des clichés les plus communs sur les artistes et l'Italie... non vraiment aucun intérêt, d'ailleurs je l'ai lâché au tiers. Et là, vous vous dites à raison, chers lecteurs, „t'es bien gentille ma poule, m'enfin de quoi ça parle ce bouquin ?“ Donc, au cas où il serait un jour traduit en français – vus l'engouement actuel pour les polars scandinaves et la notoriété dont jouit Carina Burman en Suède, je n'excluerais pas cette possibilité – et parce qu'il y a sûrement parmi vous de fervents amateurs d'enquêtes de détective, sachez que Vit som marmor est le deuxième volet (le premier étant épuisé j'ai dû me rabattre sur celui-là) des aventures de l'écrivaine à succès Euthanasia Bondeson, vieille fille imbue de sa personne, très madame-je-sais-tout (sans pour autant être franchement impressionnante intellectuellement) et détective amateure. L'action se passe en 1852 à Rome dans le milieu des colonies d'artistes et autres férus d'archéologie. Il y aura forcément un meurtre, enfin du moins si l'on en croit la quatrième de couverture, parce que pendant le premier tiers du livre nous n'avons droit qu'à une série de séances de contemplation de statues antiques, de repas invariablement composés de fromage et de vin et de réflexions d'une platitude consternante sur la mise et les manières de la jeune dame de compagnie d'Euthanasia, Agnes, et sur les amourettes de quelques artistes-touristes. Ce regard condescendant, cette héroïne se voulant libérale mais en fin de compte assez coincée sont d'autant plus désagréables que la narration est à la première personne, donc sans le moindre moment de répit !
Une grosse déception, le sujet, le personnage principal – ce nom ! –, en théorie ce roman avait de quoi me plaire, mais non.



Cărtărescu, Mircea Warum wir die Frauen lieben:

Warum wir die Frauen lieben
Mircea Cărtărescu
Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Suhrkamp 2008
(rum. Orig. 2004/2006)
173 S.
And now for something completely different: Warum wir die Frauen lieben ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die größtenteils in der rumänischen Ausgabe von Elle erschienen. Wer jetzt denkt, es könne sich demzufolge nicht um anspruchsvolle, lesenswerte Literatur handeln, macht einen gewaltigen, wenn auch nachvollziehbaren, Fehler. Denn Cărtărescu ist ein großer Autor, der besonders für seine dreibändige Autobiographie und Porträt Rumäniens unter der Diktatur, Orbitór, bekannt ist, deren erster Teil auf deutsch unter dem Titel Die Wissenden erschienen ist. Und er versteht es wie kein Anderer, den Frauen, die er geliebt hat, in diesen kurzen Stücken mit beeindruckender Sprach- und Bildgewalt zu huldigen. Kleine Welten evoziert er mit seiner poetischen Sprache und große Visionen, mal bittersüß, mal zynisch, mal skurril und grotesk und oft von Träumen und traumähnlichen Zuständen durchdrungen. Bei ihm können Ohren „ultrastolz“ sein (S. 77) und die großen Namen der Weltliteratur werden so oft erwähnt wie die Namen seiner Verflossenen: „Als ich D. kennenlernte (in einer meiner Geschichten habe ich sie Gina genannt), hielt ich mich für eine Art Superchampion im Träumen. Ich richtete mir jede Nacht wie eine Box-Gala ein, bei der ich meinen diamantenbesetzten Gürtel gegen sämtliche Challenger verteidigte. Ich hatte, so meinte ich, Mandiarques, Jean Paul, Hoffmann, Tieck, Nerval und Novalis durch K.o. besiegt, Kafka nach Punkten, und Dimov hatte (in der sechzehnten Runde) aufgegeben.“ (S. 14)
Literarisches Boxen: großartige Idee!

Warum wir die Frauen lieben erscheint bei Suhrkamp.

And now for something completely different: Pourquoi nous aimons les femmes est un recueil de nouvelles parues pour la plupart à l'origine dans l'édition roumaine de Elle. Si vous en déduisez que cela ne doit pas voler bien haut, vous faites là une grossière erreur (mais tout à fait compréhensible). En effet, Cărtărescu est un grand auteur, connu principalement pour son autobiographie en trois volumes et portrait de la Roumanie sous la dictature, Orbitór, publiée en français chez Denoël (Orbitor, L'Œil en feu et L'Aile tatouée). Et il sait, mieux que tout autre, rendre hommage aux femmes qu'il a aimées grâce à l'impressionnante puissance évocatrice de sa langue. De petits mondes et de grandes visions naissent sous sa plume, tantôt doux-amers, tantôt cyniques ou étranges et grotesques, souvent emprunts d'onirisme. Loin d'être uniquement une déclaration d'amour aux femmes c'est aussi une déclaration d'amour (et parfois de guerre) à la littérature, Borges, Kafka, Nabokov, Dostoïevski et bien d'autres attendant le lecteur au détour de chaque page. J'aurais bien voulu partager un extrait avec vous, chers lecteurs, mais comme je ne possède pas la traduction française de ce volume, je ne puis malheureusement le faire (au fait, la traductrice française de Cărtărescu, Laure Hinckel, tient un blog). Quoiqu'il en soit, je vous le recommande vivement.

Pourquoi nous aimons les femmes est paru chez Denoël.


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