Die Stadt der Metallvögel
Tor Åge Bringsværd
Aus dem Norw. von Lothar Schneider
Suhrkamp 1988
(norw. Orig. 1983)
Dem Tag entgegen
Svend Åge Madsen
Aus dem Dän. von Horst Schröder
Suhrkamp 1984
(dän. Orig. 1980)

Bei Science Fiction denkt man für gewöhnlich in erster Linie an die umfangreiche angelsächsische Buch-, Film-, Fernseh- und Comicproduktion, an Jules Verne, Perry Rhodan und, wenn man es etwas exotischer mag, an Manga und Anime, nicht jedoch an skandinavische Literatur, die für viele vorwiegend Synonym für sozialkritische Krimis und idyllisch bis anarchisch anmutende Jugendbücher bleibt. Science Fiction made in Scandinavia gibt es aber durchaus, darunter sogar moderne Klassiker wie Karin Boyes Kallocain oder Harry Martinsons Aniara. Diese beiden schwedischen Werke sind vermutlich die, die nicht-SF-versierten Skandinavisten am häufigsten einfallen. Fragt man allerdings nach norwegischer oder dänischer SF, besteht die Antwort nicht selten in einem viel sagenden „öhhhhh“. Daher möchte ich euch zwei Romane vorstellen, einen dänischen und einen norwegischen, die ich im Rahmen meiner Abschlussprüfung entdeckt habe, nämlich Tor Åge Bringsværds Ker Shus (Die Stadt der Metallvögel) und Svend Åge Madsens Se dagens lys (Dem Tag entgegen). Beide Texte behandeln im Grunde genommen die selben Kernthemen der Erinnerung, des Erzählens sowie der Zeitwahrnehmung und Geschichtsauffassung, tun dies jedoch auf sehr unterschiedliche Art und Weise, so dass es mir sinnvoll erscheint, sie zusammen vorzustellen.


Bringsværd

Tor Åge Bringsværd ist zusammen mit Jon Bing eine wahre Institution im norwegischen SF-Milieu. Beide Autoren haben seit den 60ern für eine bessere Akzeptanz der Science Fiction im kulturellen Mainstream gesorgt, unter anderem durch ihren Versuch, SF neu zu definieren. So sei Science Fiction laut ihrer Auffassung keine Gattung sondern eine Technik, eine Methode, die vielen Gattungen gemeinsam sei: Märchen, phantastische Literatur, Fantasy, Science Fiction (im engeren Sinne)... SF sei nicht durch besondere Stoffe und schon gar nicht durch die Thematisierung von Technik und Wissenschaft zu definieren, sondern als jede Form von Erzählung, in der der Autor den realistischen Rahmen sprengt, um die Welt anhand phantastischer Elemente besser untersuchen zu können. Bringsværds und Bings Auffassung von Science Fiction wäre also eher dem allgemeineren Begriff der Speculative Fiction gleichzusetzen, wobei nicht nur Genreliteratur sondern auch „Mainstream“ – bin mit dieser Bezeichnung etwas unglücklich, mir fällt aber keine bessere ein – als solche betrachtet werden kann. Aus theoretischer Sicht ist dieser äußerst weiter SF-Begriff eher unbefriedigend, hat aber eine Debatte über SF losgetreten und das Interesse der Verlage geweckt – B&B sind eben keine Theoretiker und verfolgten dazu noch eine, wenn auch lobenswerte, bestimmte Agenda, was sich meist nicht gut mit wissenschaftlichen Ansprüchen verträgt, schon gar nicht auf dem heiklen Gebiet der Gattungstheorie.

B&Bs eigene literarische Produktion ist natürlich auch von dieser Reflexion beeinflusst und so liest sich Die Stadt der Metallvögel, der als postapokalyptischer Roman zur Science Fiction im klassischen Sinne gehört, streckenweise eher wie Fantasy. Der Roman besteht aus den drei Rollen, in denen Rokam, der Erzähler, seine Erinnerungen niederschreibt, wobei der Bericht über seine Abenteuer und die Entdeckung der verlorenen Stadt Ker Shus als Warnung für die jüngeren Generationen gelten soll. In einer Welt, die von einer Katastrophe verwüstet worden ist, erscheint Rokam aber als eine Anomalie, denn er ist der einzige Mensch in unserem Sinne, der überlebt hat. Als Kleinkind von seinem vermeintlichen Vater gerettet und von Felin übernommen und aufgezogen worden, einer der drei Tiermenschenrassen (Felin=Katzen, Kaan=Hunde, Gna=Ratten), die die Erde nun bevölkern, betrachtet sich Rokam jedoch als ein Felin, was nicht zuletzt seine Beziehungen zu den Kaan und Gna prägt.
Durch die Katastrophe sind der kulturelle und technische Zusammenhang der früheren Welt fast komplett verschwunden und nur wenige Generationen später haben die Tiermenschen die entkontextualisierten Fetzen der eigenen Geschichte naiv neu zusammengefügt. So werden frühere Menschen als Götter aufgefasst und im Zuge einer Mythisierung der Geschichte, bei der Realgeschichte, Fiktion und Popkultur gleichgestellt werden, entstehen neue Volkshelden, deren Namen und Abenteuer uns mal schmunzeln, mal die Stirn runzeln lassen. Diese sehr intelligente Reflexion über die Entstehung und Überlieferung von Mythen, Motiven und Geschichte sowie deren Interpretation durch zeitlich und/oder räumlich und kulturell isolierte Rezipienten, die Archäologen, Historiker, Kultur- und Literaturwissenschaftler immer im Hinterkopf behalten sollten, ist die größte Qualität dieses Textes, der als SF ansonsten leider relativ vorhersehbar und mit wenig Sense of Wonder daherkommt. Diese ständige, kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit innerhalb einer Zukunftsvision entspricht außerdem Bringværds Auffassung der SF als eine Systemkritik über fiktionale Umwege. Stilistisch wirkt Die Stadt der Metallvögel jedoch mit seinen eher kurzen, einfachen Sätzen ziemlich flach und wird irgendwann langweilig, zumal vieles wiederholt wird, ohne dass dies zu einem besonderen, hypnotischen Rhythmus führt. Schade, denn die Auseinandersetzung mit Mythen und Geschichte ist wirklich lesenswert.


Madsen

Eine Zukunftsvision bietet auch Svend Åge Madsen mit seinem Roman Dem Tag entgegen, allerdings keine postapokalyptische sondern eine utopische. Oder vielleicht doch eine dystopische? Eine endgültige Antwort auf diese Frage kann es wohl nicht geben, denn genau diese Unterscheidung stellt der Text in Frage: Was dem Einen utopisch und positiv erscheint kann von einem Anderen als dystopisch und negativ wahrgenommen werden.

Elef, der Tagebuch schreibende Erzähler, lebt in einer Welt, in der jeder Tag etwas Neues zu bieten und zu bringen hat, fungieren doch Neuigkeit, Kurzweile und Selbstverwirklichung durch Abwechslung als höchste Gebote. Um dies zu garantieren werden allen Individuen jeden Morgen neue Partner, neue Kinder, eine neue Wohnung, eine neue Tätigkeit, sogar neue Freunde und Eltern zugewiesen, wobei jeder abends die Möglichkeit hat, Eindrücke und Wünsche mitzuteilen, auf die bei den darauf folgenden „Vergaben“ eingegangen wird. Berücksichtigt werden ebenfalls grundsätzliche und langfristige Einstellungen wie etwa Schwangerschaftswunsch oder sexuelle Orientierung. Der schlimmste Fehler, der dabei auftreten könnte? Dass man einen ehemaligen Partner zum zweiten Mal als Partner bekommt, denn Bekanntschaften „von gestern“, vor allem intime, verlieren quasi über Nacht ihre Daseinsberechtigung und gelten als etwas Ekelhaftes, Abgelaufenes. Solche Fehler sind aber äußerst selten, denn das Austauschsystem wird vom Supercomputer Madam Datam meisterhaft verwaltet. Sonstige Entscheidungen, Regelungen, Richtlinien in allen erdenklichen Bereichen werden unter den Bürgern selbst auf absolut demokratischer Basis in den jeweils aktuellen Fachgruppen ausdiskutiert und festgelegt und quasi jeden Tag aktualisiert und implementiert. Alles ist wunderbar, alle sind glücklich. Bis Elef anfängt, zögernd, das System in Frage zu stellen und längst vergessene und für die meisten absurd gewordene Konzepte wie Erinnerung, Geschichte und Literatur für sich entdeckt. Und warum sind diese Phänomene eigentlich in Vergessenheit geraten? Und wer kontrolliert Madam Datam?

Madsen hat mit Dem Tag entgegen eine sehr intelligente Kritik unserer stets auf das Neue fixierten Gesellschaft geschrieben, die gleichzeitig mit unseren Erwartungen an die Gattung Science Fiction sowie mit unserem Umgang mit Verschwörungstheorien spielt. Dabei sind die praktischen Aspekte des Systems obsolet – das Buch stammt aus den 80ern – bis abstrus, eine einzige Mischung aus Sense of Wonder und What the Fuck, die witzigen und absurden Situationen und Dialoge häufen sich und Literatur wird als Mehrwert für den Menschen und wichtiger, eigenständiger Wahrnehmungsmodus postuliert. Das Verwirrspiel ist klug und komplett: ein wahrer intellektueller Genuss.


Sowohl Bringsværds Die Stadt der Metallvögel als auch Madsens Dem Tag entgegen erschienen bei Suhrkamps Phantastischer Bibliothek und sind leider nur noch antiquarisch zu erhalten. Im Original erschien Ker Shus bei Gyldendal norsk forlag, Se dagens lys bei Gyldendal.




Suite de la liste commencée hier :

DANEMARK :

Andersen, Hans Christian : Eventyr (Contes).
Lu une sélection en français et en danois. Beaucoup moins mièvres qu'on le pense ;-).

Balle, Solvej : Ifølge loven (En vertu de la loi).
Lu en français. Très bien. :-D

Blixen, Karen :
Babettes gæstebud (Le dîner de Babette). Lu en français et en danois. Très bien. :-D
Divers contes. Lus en français. Bien. :-)

Hammann, Kirsten : Vera Winkelwir
Lu en danois et en allemand. Lecture obligatoire. Texte intéressant uniquement d'un point de vue théorique (roman expérimental)! À part ça illisible et inintéressant au possible. Non traduit en français.

Høeg, Peter :
Frøken Smillas fornemmelse for sne (Smilla et l'amour de la neige). Lu en français et en danois. Génial. :-D :-D

De måske egnede (Les enfants de la dernière chance). Lu en allemand il y a longtemps (Der Plan von der Abschaffung des Dunkels). Très bien. :-D

Jessen, Søren : Zambesi (Café Zambèze)
Lu en français. Excellent et original. :-D :-D

Michael, Ib : Vanillepigen (La fille vanille)
Lu en allemand (Das Vanillemädchen). Bien et assez traditionnel (j'ai eu du mal à rester dedans, mais c'était pour d'autres raisons). :-)

Riel, Jørn: Skrøner (Racontars)
J'ai lu en français (faut que je me les achète en danois) les recueils suivants :
La vierge froide et autres racontars
Un safari arctique
La passion secrète de Fjordur
Un curé d'enfer et autres racontars
Le voyage à Nanga
Un gros bobard et autres racontars

Ungkarlehuset (La maison des célibataires). Lu en français. Inutile de préciser que j'adore Jørn Riel, je pense. :-D :-D

SUÈDE :

Bakhtiari, Marjaneh : Kalla det van fan du vill.
Lu en suédois. Lecture obligatoire ; sympathique mais sans grand intérêt. Non traduit en français.

Dagermann, Stig : Brant barn (L'enfant brûlé).
Lu en français il y a longtemps. Je m'en souviens mal, mais c'était assez sombre.

Enquist, Per Olov :
Nedstörtad ängel (L'ange déchu). Lu en allemand (Gestürtzter Engel). Spécial mais bien. :-)

Livläkarens besök (Le médecin personnel du roi). Lu en suédois. Superbe. :-D :-D

Fioretos, Aris : Stockholm noir
Lu en allemand (pour des raisons pratiques ; Die Seelensucherin) et en suédois. Spécial mais bien et intéressant. Malheureusement non traduit en français. :-)

Gustafsson, Lars : Yllet (Une Odeur de laine mouillée)
Lu en suédois. Bizarre, pas évident à lire.

Holmqvist, Ninni :
Kostym. Lu en partie (recueil de nouvelles) en suédois. Lecture obligatoire mais géniale. Non traduit en français, malheureusement. :-D :-D

Enhet. Lu en suédois. Superbe. Non traduit en français, malheureusement. :-D :-D

Ingemarsson, Kajsa : Små citroner gula.
Premier livre lu de mon plein gré en suédois! Gentillet, prévisible, mais au moins j'étais arrivée au bout sans peine et c'était ce dont j'avais besoin à l'époque ;-). Non traduit en français.

Lagerlöf, Selma : Bannlyst (Le banni).
Lu en français il y a longtemps. J'avais beaucoup aimé. :-D

Larsson, Björn : Den keltiska ringen (Le Cercle celtique).
Lu en français il y a longtemps. C'était pas mal, je crois. :-)

Leiva Wenger, Alejandro : Till vår ära.
Lu en partie (recueil de nouvelles) en suédois. Lecture obligatoire mais très chouette. Faut que je lise le reste du recueil. Malheureusement non traduit en français. :-D :-D

Lindgren, Torgny : Ljuset (La lumière).
Lu en français il y a des années. Bien. :-)

Lundgren, Maja : Pompeji (Pompéi).
Lu en français, à relire en suédois. Génial. :-D :-D

Sjöwall, Maj/Per Wahlöö : Roman om ett brott (La voiture de pompiers disparue).
Lu en suédois. Lecture obligatoire mais sympathique. Je ne suis pas une grande lectrice de polars et celui-ci est à lire plus pour le style que pour l'intrigue, je trouve. :-)

Stridsberg, Sara : Drömfakulteten
Lu en suédois. Lecture obligatoire mais surpuissante. J'ai adoré. Malheureusement non (encore?) traduit en français. :-D :-D :-D

Strindberg, August : Inferno
Lu en français (Strindberg l'a écrit en français ; le texte suédois n'est qu'une traduction). Lecture obligatoire et bizarre mais fascinante. :-)

Tunström, Göran :
Skimmer (Le buveur de lune). Lu et relu en français et en suédois. Une merveille. Un de mes livres préférés. :-D :-D :-D

Juloratoriet (L'oratorio de Noël). Lu en français ; à relire en suédois. Superbe. J'adore Tunström. :-D :-D

FINLANDE :

Lappalainen, Seppo : Muuan rakkaustarina (Une certaine histoire d'amour).
Lu en français il y a longtemps. Je m'en souviens à peine.

Paasilinna, Arto :
Ulvova mylläri (Le meunier hurlant). Lu en français. J'avais beaucoup aimé. :-D

Jäniksen vuosi (Le lièvre de Vatanen). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Paratiisisaaren vangit (Prisonniers du paradis). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Ukkosenjumalan poika (Le fils du dieu de l'Orage). Lu en français. J'ai beaucoup aimé. :-D

Hirtettyjen kettujen metsä (La forêt des renards pendus). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Elämä lyhyt, Rytkönen pitkä (La cavale du géomètre). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Suloinen myrkynkeittäjä (La douce empoisonneuse). Lu en français. Je l'ai trouvé un peu faible pour un Paasilinna.

Paasonen, Ranya : Auringon Asema.
Lu en allemand (Der Stand der Sonne). Pas mal. Non traduit en français.

Sinisalo, Johanna : Ennen päivänlaskua ei voi (Jamais avant le coucher du soleil).
Lu en français. Très chouette et original. :-D

Waltari, Mika :
Sinuhe Egyptiläinen (Sinouhé L'Égyptien). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Vieras mies tuli taloon (Un inconnu vint à la ferme). Lu en français. J'ai beaucoup aimé. :-D

Nuori Johannes (Jean le pérégrin). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D

Johannes Angelos (Les amants de Byzance). Lu en français. J'ai adoré. :-D :-D :-D Waltari est un de mes auteurs préférés.

BONNE DÉCOUVERTE ET BONNE LECTURE !


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